Diagnose: Ambivalenz. Freiheit im digitalen Zeitalter

Der folgende Essay entstand Anfang 2019 aufgrund einer Einladung, für ein Buch über Freiheit ein Kapitel zum Thema “Freiheit und Digitalisierung” beizusteuern. Die Wiedergabe des Texts hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Diagnose: Ambivalenz. Freiheit im digitalen Zeitalter

Im Frühjahr 1999 strahlte die BBC ein Interview mit David Bowie aus, in dem sich der Sänger unter anderem zum Thema Internet äusserte:

Bowie hat mit diesen Worten unwissentlich eine zwanzig Jahre später stattfindende Debatte vorweggenommen und beantwortet.

Gut oder schlecht? Frei oder unfrei?

Tatsächlich finden auch heute noch viele Diskussionen zum Thema in binären Denkmustern statt: Sind neue Technologien gut oder schlecht? Bringt die Digitalisierung mehr Freiheiten oder schränkt sie uns ein? Eine Auslegeordnung fördert jeweils zahlreiche Beispiele für beide Seiten zutage. Einerseits können wir auf abrufbereite, noch nie dagewesene Mengen von Informationen zugreifen. Andererseits wissen wir immer weniger auswendig und überschätzen zudem unser Wissen. Einerseits sind viele Arbeitende vor allem des tertiären Sektors mobiler und flexibler. Andererseits verwischt sich die Grenze zwischen Arbeit und Beruf immer mehr, was zusätzlichen Druck schaffen kann. Das Beispiel-Pingpong könnte so unendlich lange fortgesetzt werden. Wirklich produktiv erscheint mir dies allerdings nicht. Viel spannender und wichtiger, als einer Antwort in schwarz oder weiss nachzugehen, sind die Fragen, unter welchen Umständen die Digitalisierung Freiheit fördert, und von welcher Art Freiheit die Rede ist. Denn — wie das BBC-Publikum schon vor zwei Jahrzehnten erfahren konnte — Internet bringt Gutes und Schlechtes, Erfreuliches und Erschreckendes.

Der Journalist schien damals mit Bowies Aussage überfordert. Es sei doch nur ein Instrument, “it’s just a tool though”, entgegnete er. Eine Auffassung, die ich selbst auch schon oft gehört habe, am prominentesten in Form der Messeranalogie an hippen Technologiekonferenzen: Ein Messer sei neutral, es komme bloss darauf an, ob es als Küchenutensil oder als Mordwaffe benutzt werde. Was einleuchtend klingen mag, ist leider ein wenig simpel. Um es mit den Worten des Technikhistorikers Melvin Kranzberg (1986) auszudrücken: “Technologie ist nicht gut oder schlecht und erst recht nicht neutral.” Eine Gesellschaft, in der es Messer gibt, ist eine andere, als eine, in der es keine gibt. Dasselbe gilt auch für das Internet und digitale Dienste im Allgemeinen (McMillan Cottom, n.d.). Umso mehr, als es sich dabei nicht nur um ein technisches Hilfsmittel handelt, sondern die Digitalisierung auch den ganzen Bereich der Verfügbarkeit von und des Umgangs mit Informationen beziehungsweise Daten einschliesst. Doch dazu später.

Natürlich wirken sich das Internet und, allgemeiner, die Digitalisierung nicht überall gleich aus. In der Arbeitswelt ist zum Beispiel die Thematik der Automatisierung aktuell, verbunden mit Schätzungen, wie viele Jobs und Arbeitsstellen dadurch verschwinden würden. Wie viele davon jedoch realistische Prognosen und nicht bloss Effizienzwünsche beispielsweise von Beratungsfirmen sind, ist nicht immer einfach abzuschätzen. Grundsätzlich muss zwischen Hype und faktenbasierten Einschätzungen unterschieden werden. Die Frage, welche Stellen betroffen sein würden, ist dabei mindestens genauso wichtig wie die Frage nach ihrer Zahl. Denn es gilt nicht zu vergessen, dass sogar dort, wo künstliche Intelligenz draufsteht, oft billige, aber äusserst menschliche «Klickarbeit» drin ist (vgl. Casilli, 2019; Gray & Siddhart, 2019).

Es kommt erschwerend hinzu, dass bei solchen Schätzungen die Skala auf Dimensionen über Landesgrenzen hinweg erweitert werden muss. Von der Hardware-Produktion über die Software-Entwicklung bis hin zum Customer Support kann heute vieles relativ einfach in Länder mit besseren, sprich: kostengünstigeren, Konditionen ausgelagert werden — was natürlich nicht nur mit der Digitalisierung, sondern auch mit der Globalisierung und dem Kapitalismus zusammenhängt. In ihrem grandiosen Essay über Supply Chain Management geht Miriam Posner (2019) der digitalisierten Produktionskette nach. Durch gängige Programme lassen sich Beziehungen und Abhängigkeiten bis zur Unkenntlichkeit verschachteln und auf Effizienz trimmen, ohne dass sich dabei noch jemand für das Wohlergehen der Arbeitenden am Produktionsort verantwortlich fühlt. Posner stellt nun eine dieser unsichtbar gewordenen Verbindungen wieder her, nämlich jene zwischen der Planungsfreiheit des Produktionsmanagements und dem Druck auf Tausende von Kilometern entfernte Arbeitskräfte.

Grosse Auswirkungen hat die Digitalisierung eindeutig auch auf unsere Kommunikation in allen Bereichen (vgl. Tufekci, 2017). Internet, E-Mail, Social Media und Multimedia-Nachrichtendienste werden von grossen Teilen der Bevölkerung regelmässig genutzt. Ort, Zeit und Umgebung des Informationskonsums sind, da häufig online und mobil, vollkommen anders als noch vor zwanzig oder sogar zehn Jahren. Die Produktion von Information hat sich ebenfalls grundlegend verändert und verwischt sich sogar teilweise mit dem Konsum. Schon Bowie wies im BBC-Interview auf diese Tendenz hin: Er spreche über den Kontext und den Zustand von Inhalten, der sich von allem, was aktuell vorstellbar sei, unterscheiden werde. Schon vor dem Web eröffneten sich mit BBS und IRC neue Möglichkeiten, sich über geografische Grenzen hinweg in Echtzeit mit Gleichgesinnten auszutauschen. Das World Wide Web und grafische Webbrowser haben Internet dann einer noch grösseren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Während einiger Zeit waren Foren und Blogs das Aushängeschild des “Mitmachwebs”, bevor diese von sozialen Netzwerken und Nachrichtenapps abgelöst wurden.

Die Versuchung, dem Rückblick auf das Web der letzten zwanzig Jahre ein binäres Schema aufzudrücken, lauert allenthalben: Zu Beginn sei das Web “frei” gewesen, heute jedoch werde es von Grosskonzernen dominiert. Die Feststellung stimmt zwar — andererseits haben viele dieser Firmen damit begonnen, Produkte, Dienstleistungen und Webseiten anzubieten, die es vielen Menschen überhaupt ermöglichen, die Vorteile des Internets zu nutzen. Das widerspiegelt sich denn auch in meiner persönlich “Digitalisierungsbiografie”: Ich kaufte mir zwar als Jugendliche schon eine gebrauchte Atarimaschine zum Gamen und nutzte das Web zu AltaVista- und Geocities-Zeiten — einen eigenen Web- oder E-Mail-Server hatte ich aber nie. Trotzdem, oder gerade dadurch, eröffnete mir die Digitalisierung neue Möglichkeiten. In der Tat könnte das Fazit also, wie bei einem Negativbild, durch einen anderen Blickwinkel betrachtet genau gegenteilig lauten: Während das Internet früher hauptsächlich von Nerds und Universitätsangehörigen genutzt werden konnte, steht es heute glücklicherweise breiten Bevölkerungsschichten in handlicher Form in der Hosen- oder Handtasche zur Verfügung. Schwarz oder weiss? Gut oder schlecht? Weder noch. Und sowohl als auch.

Inhalte und Infrastruktur

Aber zurück zur Kommunikation im digitalen Zeitalter. Es ist inzwischen unbestritten, dass sich Bestand, Fluss und Austausch von Informationen massgeblich gewandelt haben. Egal ob Handel, Journalismus, Bildung, Politik, Medizin, Industrie, Tourismus (die Liste könnte nun endlos weitergeführt werden): Die Kommunikation hat sich grundsätzlich geändert, und ohne Kausalitäten zu benennen, spielt die Digitalisierung hierbei eine wichtige Rolle. Dies vor allem mit Blick auf zwei Dimensionen, nämlich die Digitalisierung von Informationen und die digitale Infrastruktur. Für ein besseres Verständnis hilft es manchmal, diese analytisch getrennt zu betrachten, obwohl beide eng miteinander verwoben, ja, oft sogar untrennbar ein und dasselbe sind.

Es gibt wohl kein anschaulicheres Beispiel für die Digitalisierung von Informationen als die Entwicklung eines Nachschlagewerks. Die englischsprachige «Encyclopaedia Britannica» wurde zum ersten Mal im Jahr 1768 gedruckt und verkaufte sich 1990, zur Spitzenzeit, über 100 000 Mal in ihrer mehrbändigen Ausgabe. Schon kurz darauf jedoch brachen die Verkaufszahlen auf einen Bruchteil ein und der Herausgeber konzentrierte sich vermehrt auf den Vertrieb via CD-ROM (Auchter, 1999). Es war aber nicht nur die digitale Form von Inhalten, die den Verlag dazu bewegte, sich von der Buchform loszusagen. Als er 2012 die Einstellung der gedruckten Auflage der «Britannica» verkündete, nannte er als Grund insbesondere die Konkurrenz durch Wikipedia.

Wikipedia ist ihrerseits ein Paradebeispiel für Massenzusammenarbeit über Raum und Zeit hinweg, die überhaupt erst durch die digitale Infrastruktur ermöglicht wird. Im Prinzip können alle mit Internetzugang, ohne sich anmelden oder identifizieren zu müssen, Informationen, Kommentare oder Korrekturen am Onlinenachschlagewerk anbringen. Miteinander wird frei zugängliches Wissen geschaffen. Diese theoretisch uneingeschränkte Möglichkeit der Mitwirkung stellt die Essenz einer der Freiheiten dar, die uns die Digitalisierung versprochen hat: unser ganzes Leben vermehrt und einfacher gemeinsam und gemeinschaftlich zu gestalten. Dass Wikipedia diesem Ideal trotz merklicher Mängel in der Praxis näherkommt als Internetkonzerne, liegt übrigens nicht nur am Mitmachmodus beim Erstellen von Artikeln, sondern auch an der Organisationsstruktur und Lizenzierung.

Digitale Tools und Netzwerke vereinfachen die Kommunikation und Organisation in zahlreichen Aspekten und auf vielen Ebenen nicht unwesentlich durch ihre Verfügbarkeit. Diese umfasst selbstverständlich die Hardware und die technischen Mittel, die der digitalisierten Welt zugrunde liegen: Kabel, Router, Server und so weiter. Wie bei anderen Kommunikationskanälen braucht es eine bestehende materielle Infrastruktur, damit sie überhaupt genutzt werden können. Aber was ich weiter vorne “digitale Infrastruktur” genannt habe, meint weit mehr, denn es schliesst auch Protokolle und Softwareanwendungen mit ein. Ein illustratives Beispiel hierfür sind Onlinenetzwerke und Nachrichtenapps, kurz: Social Media. Ihr Nutzen liegt nicht nur in den technischen Funktionen, die sie mir als individuelle Person anbieten, sondern auch im Netzwerk der Personen, mit denen ich dank der jeweiligen Programme kommunizieren könnte. Der Konjunktiv ist bewusst gewählt: WhatsApp, Instagram, Facebook & Co. dienen mir nicht nur in jenem Moment, in dem ich tatsächlich damit kommuniziere, sondern auch mit dem Hintergrundwissen, dass sie mir als Kommunikationskanäle jederzeit nutzungsbereit zur Verfügung stehen.

Dieser Punkt ist nicht trivial, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Wahlfreiheit. Wer eine Zeit lang ein bestimmtes Onlinenetzwerk oder eine Nachrichtenapp nutzt, stellt Verbindungen her und nimmt in Netzwerken teil. Ob zu neuen Kontakten oder alten Bekannten ist hier irrelevant. Dabei können sich private und professionelle Beziehungen überlappen. Wiederholt haben Studien belegt, dass der erweiterte Bekanntenkreis oft Türen zu neuen Möglichkeiten eröffnet, sowohl persönlich wie auch beruflich. Social Media vereinfacht den Austausch von Informationen und den Unterhalt eigener Netzwerke. Natürlich kann nun im Einzelfall entschieden werden, solche Dienste nicht mehr zu verwenden. Damit entscheidet man sich aber gegen mehr als nur die Nutzung. Jemand verzichtet so auf die Verfügbarkeit eines Kommunikationskanals, auf den Anschluss an sein soziales Netzwerk. Anders formuliert: Man verliert nicht nur den Zugriff auf Inhalte, sondern auch auf die Infrastruktur, die solche Inhalte überhaupt ermöglicht und zirkulieren lässt.

Auch in anderen Bereichen kann die Perspektive der Infrastruktur hilfreich sein, um sich die Funktion digitaler Dienste zu vergegenwärtigen. Informationsbeschaffung ist ein weiteres prominentes Beispiel. Wie neunzig Prozent der Menschen in Westeuropa benutze ich Google. Ich nutze die Suchmaschine, um Artikel zu aktuellen Themen zu finden. Aber nicht nur. Informationen zum Ausfüllen der Steuererklärung, Name und Coverbild von David Bowies erstem Album, die Telefonnummer meines Lieblingsrestaurants, wann Kranzberg seine Thesen zur Technologie veröffentlicht hat, wie Rhythmus korrekt geschrieben wird und warum dasselbe Wort auf Französisch nur ein «h» hat — Google weiss, wo die Antwort zu finden ist. Welche Funktion erfüllt die Suchmaschine dabei? Jene, die zu Zeiten der Informationsknappheit vor allem öffentliche Institutionen innehatten. In der Tat: Einen Grossteil der gesuchten Informationen könnte ich auch in gedruckter Form irgendwo finden, wenn nicht bei mir zu Hause, dann in irgendeiner Bibliothek. Gewiss: Die Analogie Google/Bibliothek ist schon häufig durchdiskutiert und zerpflückt worden. Sie verdeutlicht jedoch anschaulich wie sonst nichts, dass die Suchmaschine durch die Funktion, die sie in unserer Gesellschaft innehat, Teil unserer informationellen Infrastruktur geworden ist. Wie eine Bibliothek steht sie der Öffentlichkeit als Informationsbeschafferin zur Verfügung und muss mit den Herausforderungen der Verfügbarkeit, Kategorisierung und Präsentation von Information umgehen (vgl. Noble, 2018).

Die Ähnlichkeiten zwischen Bibliotheken und Google enden aber schon bald. Der wichtigste Unterschied findet sich, wie soeben aufgezeigt, nicht im Nutzen für die Bevölkerung, sondern im Geschäftsmodell: finanziert durch Werbeeinnahmen hat Google mehr mit Massenmedien gemeinsam als mit Bibliotheken (vgl. Lee, 2011; Van Couvering, 2004). Auch hier spielt der Infrastrukturaspekt mit hinein, selbst wenn er in Wirklichkeit mit jenem der Informationen eng verknüpft ist. Die Digitalisierung verwischt die Grenzen zwischen Medium und Inhalt immer mehr.

Darüber nachzudenken, was Google alles über unser Leben wissen kann, ist für viele ernüchternd, obschon die meisten dabei nur an die Inhalte denken, also an die Begriffe, die sie in das Suchfeld eingeben. Die digitale Infrastruktur ermöglicht jedoch Datenaustausch und -verwertung, die weit über übliche menschliche Denkmuster hinausgehen. Neben den bewusst kommunizierten Daten existieren nämlich auch Metadaten unserer Nutzung (Gerät, Betriebssystem, Sprachversion usw.), Verhaltensdaten (wie schnell tippe ich, wie benutze ich die Maus oder den Touchscreen, worauf klicke ich, wie lange verweile ich auf der Webseite oder in der App usw.), Trackingdaten (Verhaltensdaten aus der Vergangenheit und/oder von anderen Diensten), Drittdaten (mich betreffende Informationen aus dritter Hand, z. B. meine Wohnadresse im digitalen Adressbuch von Bekannten oder von Firmen zugekaufte Datensätze) und Analysedaten. Letztere werden abgeleitet: entweder aus den vorherigen Kategorien, einem Quervergleich mit den Daten von anderen oder beidem. Das Gesamtbild dieser Daten ergibt ein digitales Doppelgängerprofil, das nicht einmal korrekt sein muss, um trotzdem mehr über mich auszusagen, als die Informationen, die ich wissentlich preisgebe.

Selbstbestimmte Resignation

Zwar sah David Bowie vor zwanzig Jahren korrekt voraus, dass wir unsere Vorstellungen davon, was ein Medium ist, werden überdenken müssen, und dass das Zusammenspiel zwischen Angebot und Nutzung dabei eine wichtige Rolle spielen würde. Aber im Gegensatz zu Bowies Vorstellungen ist dieses Zusammenspiel nicht nur harmonisch. So prägnant er die Zukunft einer Gesellschaft, in der es das Internet gibt, beschrieben hat, in diesem Detail täuschte er sich, als er prophezeite: «The interplay between user and provider will be so in simpatico, it’s going to crush our idea of what mediums are all about. (Das Zusammenspiel zwischen Nutzenden und Anbietenden wird so harmonisch sein, dass es unsere Vorstellung davon, was Medien überhaupt sind, auf den Kopf stellen wird.)» Hinter oberflächlicher Harmonie verbirgt sich ein steiles Machtgefälle zwischen Nutzenden und Anbietenden, das vielfach in Widerspruch steht zu den Freiheits- und Gleichheitsverheissungen, mit denen Internet und Digitalisierung auch immer wieder angetreten sind.

Denn wer Internetdienste nutzt, muss sich grundsätzlich gefallen lassen, dass dabei gleichzeitig von privaten Firmen Daten gesammelt, gespeichert und eventuell weitergereicht oder -verkauft werden. Ebenfalls müssen wir damit rechnen, dass uns Onlineinhalte, deren Format, Darstellung und Auswahl aufgrund Optimierung, raffinierter Profilierung und/oder Personalisierung so vermittelt werden, wie unsere Handlungen potenziell am meisten Umsatz, Gewinn oder Shareholder Value bringen werden (vgl. Pasquale, 2015). Eine plumpe Rechtfertigung bemüht die Transaktionslogik. Bezahle man nicht für etwas, sei man nicht die Kundschaft, sondern das Produkt, besagt ein populärer Spruch. Implizit schwingt da auch Kritik an der Gratiskultur mit. Aber diese Erklärung greift zu kurz, denn auch die Daten von zahlender Kundschaft werden durch digitale Dienste vermessen und verwertet (Jobin & Bilat, 2016).

Wer nun zum Ausdruck bringt, mit solcher Datensammlung und -verwertung nicht einverstanden zu sein, hört oft die Entgegnung, dass einen ja niemand zwinge, den einen oder anderen Internetdienst — ja, sogar das Internet selbst — zu nutzen. Unter den gegebenen Umständen stellt eine solche Alles-oder-nichts-Entscheidung jedoch keine realistische Wahl dar. Zum einen ähnelt Nichtnutzung eines Onlinediensts weniger einem Boykott als einer Abschottung. Dies liegt vor allem am sogenannten Netzwerkeffekt: man verzichtet nicht nur auf den Dienst selbst, sondern klinkt sich auch aus einem bestehenden Netzwerk aus.

Natürlich kann ich mich entscheiden, zum Beispiel anstelle von Facebooks WhatsApp die aus privatsphärebewusstem Aktivismus entstandene Signal App auf mein Mobiltelefon zu laden. Beide Nachrichtendienste stimmen bezüglich Funktionen und Möglichkeiten ungefähr überein. Wenn aber Signal in meinem Freundeskreis nicht verbreitet ist und weiterhin alle via WhatsApp kommunizieren, bringt mir eine andere App nicht viel. Tatsächlich hängt der Nutzen eines Diensts hier von der Präsenz anderer Menschen ab, die ihn verwenden.

Zudem sind echte Alternativen gerade bei Grossanbietern meistens gar nicht vorhanden und es mangelt daher an Wahlfreiheit. Beispielsweise sind sogar kleinere Suchmaschinen oft von den beiden grossen abhängig (vgl. Mager, 2014). Google verteidigte seine Quasimonopolstellung früher mit der Bemerkung, die Konkurrenz sei ja nur einen Klick entfernt. Es ist jedoch unvorstellbar, von Grund auf eine Websuchmaschine zu realisieren, die in ihrer Treffsicherheit, Themenbreite und Schnelligkeit mit Google Search mithalten kann. Die Datenmenge, über welche die Firma überdies dank ihrer anderen Dienste wie Gmail, Drive, YouTube, Maps, Android und Chrome verfügt sowie die zur Verarbeitung benötigte Rechenleistung von Millionen von Servern können von keinem Start-up gestemmt werden.

Auch der bereits erwähnte Infrastrukturaspekt spielt eine Rolle. Obschon ich individuell vielleicht die direkte Nutzung von Amazon vermeiden kann, indem ich dort nichts bestelle oder verkaufe, wird es weitaus schwieriger, den profitabelsten Geschäftssektor der Firma zu umgehen: Amazon Web Services (AWS), das Cloud-Angebot der Firma, wird von unzähligen Webseiten und Apps beansprucht, sodass ein konsequenter Amazon-Boykott die Hälfte des Mainstreamwebs miteinschliessen würde. Die Journalistin Kashmir Hill hat in einem Selbstversuch ihren Alltag ohne die grossen Internetkonzerne bewältigen wollen, musste aber angesichts solcher Business-to-Business-Anwendungen aufgeben, insbesondere da letztere selten als solche erkennbar sind. Denn wie sollten mit Microsoft betriebene Billettautomaten oder Kaffeemaschinen als solche wahrgenommen und vermieden werden können? (Vgl. Hill, 2019) Digitale Dienste sind nicht einfach ein virtueller Zusatz, sondern sie sind eng mit unserem Alltag verwoben und nicht mehr wegzudenken.

Was auf den ersten Blick wie eine einfache Konsumentscheidung aussieht, ist deshalb bei genauem Hinsehen komplexer. Einzelne Nutzende haben keine wirkliche Wahlfreiheit, wenn digitale Dienste zur Informationsinfrastruktur gehören, Alternativen fehlen und Marktmacht durch Netzwerkeffekte verstärkt wird.

Entsprechend darf blosse Nutzung auch nicht als Ausdruck von Zufriedenheit interpretiert werden. Manchmal wird nämlich behauptet, die Leute seien offensichtlich glücklich mit der derzeitigen Handhabung der Daten, da sie ja die Dienste nutzen und die entsprechenden Geschäftsbedingungen annehmen. Es handelt sich hier aber einfach um das Umkehrargument von “nicht zufrieden, nicht nutzen”, das ebenso ungültig ist. Warum? Die Situation lässt sich in zwei Worten ausdrücken: digitale Resignation (Draper & Turow, 2019). Die meisten Menschen sind nicht etwa einverstanden mit den Geschäftsbedingungen, sondern sie haben die Hoffnung aufgegeben, bezüglich Datenerhebung und -verarbeitung durch Firmen überhaupt noch irgendwelche Handlungsmöglichkeiten zu haben. Denn angenommen, ich möchte online nicht verfolgt, profiliert und angepeilt werden: Was nützen mir zwei dutzend Sichtbarkeitsoptionen — vor anderen Menschen, nicht firmeneigenen Maschinen, wohlverstanden — und fünfzigseitige Erklärungen von einem digitalen Dienst, der trotzdem meine Daten im Überwachungskapitalismus (Zuboff, 2015) zirkuliert?

Möglichkeiten eröffnen

Freiheit im digitalen Zeitalter ist bedingt durch die Möglichkeit zur sowohl individuellen als auch kollektiven Selbstbestimmung. Dafür müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die in dieser Hinsicht auch echten Handlungsspielraum und Wahlfreiheit eröffnen. Ob diese vorhanden sind oder nicht hängt genauso, wenn nicht noch mehr, von der Gouvernanz wie von der Technologie ab, denn Organisationsstruktur, Entscheidungs- und Partizipationsprozesse sind mindestens ebenso wichtig wie technische Optionen und Implementierungen. Zusammen sind die beiden Dimensionen ein Lackmustest dafür, wie viel und welche Art von Freiheit die Digitalisierung tatsächlich mit sich bringt. Relevante Fragen lauten in etwa: Wie transparent ist eine Organisation, welches Mitspracherecht räumt sie sowohl ihren Nutzenden als auch anderweitig Betroffenen ein und in welcher Form kann dieses ausgeübt werden? Wie zugänglich sind die benutzten Technologien einschliesslich Daten, wer hat Zugriff darauf, zu welchem Zweck, und wie ist deren Weiterverwendung rechtlich geregelt?

Es leuchtet sofort ein, dass es nicht eine einzige Idealantwort geben kann, sondern dass wir in verschiedenen Bereichen andere Prioritäten setzen möchten. Beispielsweise ist eine Enzyklopädie nicht dasselbe wie die medizinische Datenbank eines Spitals, Datenauswertung durch die öffentliche Forschung nicht dasselbe wie Analyse zu Werbezwecken und so weiter. Unsere Gesellschaft beschäftigt sich nicht erst seit der Digitalisierung mit diesen Unterschieden. Doch täten wir angesichts der strukturellen und kulturellen Veränderungen gut daran, uns erneut damit auseinandersetzen, wie wir Menschen echten Handlungsspielraum garantieren können, der auch demokratisches Mitspracherecht einschliesst (vgl. Stalder, 2016). Dieser Entfaltungsspielraum muss deshalb jenseits von binären Pseudooptionen geschaffen werden.

David Bowie drückte dies vor zwanzig Jahren am Beispiel der Kunst Duchamps so aus:

David Bowie makes some accurate predictions about the potential of the Internet (video starts at 10:40).

Referenzen

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Casilli, A. A. (2019). En attendant les robots. Le Seuil.

Draper, N. A., & Turow, J. (2019). The corporate cultivation of digital resignation. New Media & Society, 1461444819833331. https://doi.org/10.1177/1461444819833331

Gray, M. L., & Suri, S. (2019). Ghost Work: How to Stop Silicon Valley from Building a New Global Underclass. Eamon Dolan/Houghton Mifflin Harcourt.

Hill, K. (2019, January 22). Life Without the Tech Giants. Gizmodo. https://gizmodo.com/life-without-the-tech-giants-1830258056

Jobin, A., & Bilat, L. (2016). Les services numériques grand public et leurs utilisateurs: Trois approches sociotechniques contemporaines. A contrario, n° 22(1), 107–113. https://www.cairn.info/revue-a-contrario-2016-1-page-107.htm

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Mager, A. (2014). Is small really beautiful? Big search and its alternatives. In M. Rasch & R. König (Eds.), Society of the Query Reader: Reflections on Web Search (pp. 59–72). Institute of Network Cultures.

McMillan Cottom, T. (2017, August 26). Why Is Digital Sociology? Tressiemc. https://tressiemc.com/uncategorized/why-is-digital-sociology/

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Zuboff, S. (2015). Big other: Surveillance capitalism and the prospects of an information civilization. Journal of Information Technology, 30(1), 75–89. https://doi.org/10.1057/jit.2015.5

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Ursprüngliche Quellenangabe: Jobin, Anna. 2019. “Diagnose: Ambivalenz. Freiheit Im Digitalen Zeitalter.” Pp. 109–119 in Freiheit, herausgegeben von Min Li Marti und Jean-Daniel Strub. Baden: hier + jetzt.

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